Radiohead - Amnesiac

„I might be wrong, I might be wrong. I could have sworn, I saw a light coming home.“

Hätte es zwischen OK Computer und Amnesiac kein Kid A gegeben, Radiohead wären für das, was sie auf und mit Amnesiac gemacht haben, gelyncht worden. Nach Kid A, "konnten sich Radiohead alles erlauben", urteilte Österreichs rund funkendes Feigenblatt FM4 kürzlich. Zwar oft als das "alleingelassene Schwesterchen von Kid A", auch als "Kid B" eher weniger schmeichelhaft tituliert, ist Amnesiac ein relativ eigenständiges Werk. Zweifellos eine Weiterführung des Weges, den Radiohead mit Kid A eingeschlagen haben, aber noch komplexer und widerspenstiger als selbiges. Dennoch stammen beide Alben aus ein und derselben Session, nur wurden zwei in sich stimmige Veröffentlichungen aus diesen zusammengestellt.
Thom Yorke über die Differenzen dieser Werke: "I think the artwork is the best way of explaining it. The artwork to Kid A was all in the distance. The fires were all going on the other side of the hill. With Amnesiac, you're actually in the forest while the fire's happening."  Oder, um auf den ersten Satz dieser Rezension zurückzugreifen: hätten Radiohead das Feuer nicht angekündigt, wäre es ihnen wohl selbst zum Verhängnis geworden.
Aber so werfen die Kassandren aus Oxford knappe neun Monate nach dem ersten Album erwähnter Session vor die Meute und ernten wie immer überwältigende Begeisterung. Was Radiohead anfassen, wird Gold, möchte man meinen, aber das widerspräche deren Stil. Radiohead sind keine Männer des pompösen, überbordenden Glanzes, ihre Schiene ist die des Subtilen, Kryptischen und bisweilen unverblümt Antipathischen.
Eröffnet wird Amnesiac von "Packt Like Sardines in a Crushd Tin Box" und einer Portion Electronic-Spielerein, die sehr an Aphex Twin erinnern. Thom Yorkes Gesang positioniert sich im Hintergrund und ist teilweise eher lautmalerisch zu verstehen, aber phonetische Transparenz war noch nie die Absicht des Oxforders: "I'm a reasonable man, get off my case, get off my case."
Eine gänzlich andere Richtung schlägt da "Pyramid Song", der fixe Bestandteil jeder Radiohead-Show, bei dem Johnny Greenwood seine Gitarre im Stile der Isländer von Sigur Rós mit einem Geigenbogen streicht, ein. Ein Piano begleitet Thom Yorke durch seine ätherischen Vocals, ein Vers bleibt besonders im Gedächtnis hängen: "There was nothing to fear and nothing to doubt." Optimismus? Nein, eher Nihilismus und das ewige Thema Tod. Dantes La Divina Comedia und Hesses Siddharta sollen die Lyrics in besonderem Ausmaße beeinflusst haben.
In Form, nicht aber in Inhalt isoliert nimmt sich "Pulk/Pull Revolving Doors" aus, mehr ein elektronisches Experiment, möglicherweise aus einer der Sessions Thom Yorke vs. DJ Shadow, als ein Song im herkömmlichen Sinn, dessen Grenzen Radiohead aber immer schon auszuloten wussten. Türen - Doors - sind als inhaltliches Thema zu erkennen, formal erinnert "Pulk/Pull Revolving Doors" an Slam Poetry oder an das ironische, sokratische Element in Aphorismen und Kurzgeschichten. Eine Professur der Literaturwissenschaften wird Thom Yorke wohl schon mehrere Male angetragen worden sein...
Näher am klassischen Song-Format ist da schon wieder "You And Whose Army", bei dem Yorkes Stimme besonders am Anfang in den Fokus rückt, bis gegen Ende hin dann das restliche Instrumentarium der Band zum Einsatz kommt. Sehr schwer zu deuten sind abermals die Lyrics, die metaphorische und mystische Sprache eines Yorke ist nun einmal ein Teil dessen, was den Kult um Radiohead ausmacht.
Dem elektronisch angehauchten Grund-Konzept steht "I Might Be Wrong" entgegen welches sich gitarrenlastiger als alles andere auf Amnesiac gestaltet. Offenbar Grund genug, diesen Song auch gleich in den Werbespots für die Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City einzusetzen. Aber er war auch der erste Song von Amnesiac, der bereits auf der Kid A-Tour gespielt wurde, zum ersten Mal übrigens als Setcloser in Mailand.
"Knives Out" wurde für Radiohead zu einem Sisyphos-Werk, geschlagene 373 Tage brauchten sie, um diesen Song aufzunehmen. Sie waren schon knapp davor, ihn wegzuwerfen, was doch sehr schade gewesen wäre. Ed O'Brien spielte Johnny Marr, dem Gitarristen der Smiths, "Knives Out" vor, ein Song, der von den Smiths inspiriert wäre. Johnny Marr soll sehr gerührt gewesen sein. Thom Yorke über "Knives Out": "It's partly the idea of the businessman walking out on his wife and kids and never coming back. It's also the thousand yard stare when you look at someone close to you and you know they're gonna die. It's like a shadow over them, or the way they look straight through you. The shine goes out of their eyes."
Die Amnesiac-Version von Morning Bell, simpel "Amnesiac/Morning Bell" genannt, ist etwas harmonischer und sanfter geraten als die große Schwester von Kid A, beide ergänzen aber ideal den Gesamteindruck ihres jeweiligen Albums und gehören zu den bekanntesten und meist gespielten Songs der Alben Kid A und Amnesiac.
Zyklisch an- und abschwellende Streicher und Becken begleiten Thom Yorke auf "Dollars&Cents", einem Song, von dem oftmals behauptet wurde, dass er vom Kapitalismus und der monetär definierten Welt handle. Eine Behauptung, die sich leicht aufstellen lässt, geben Radiohead doch selten den wahren Sinn ihrer Werke Preis.
Bären jagen tut man nicht. Und wenn sie noch so frech den Imker reizen. Radioheads Einstellung zur Bärenjagd dürfte ähnlich sein, aus dem Song "Hunting Bears" geht das aber nicht eindeutig hervor. Es gibt nämlich keine Vocals. Nur verzerrte Gitarren und etwas Keyboard gibt es im Aufgebot. Ein komplett weirder Song, mit gut zwei Minuten aber zu kurz, um ihm eine größere Aufgabe im Werk "Amnesiac" zuzuschreiben. Eine kleine Spielerei, das wars.
Dass die Erde mit leichtem Drall durchs Universum gurkt, ist bekannt, ob der Planet Terra allerdings Pate für "Like Spinning Plates" ist, lässt sich nicht eruieren. Fakt ist aber, dass der Song auf dem älteren "I Will" basiert, allerdings rückwärts gespielt. Der Gesang ist natürlich chronologisch in richtiger Reihenfolge, weshalb sich auch Textphrasen ausmachen lassen: "When this just feels like spinning plates. I'm living in cloud cuckoo land.
And this just feels like spinning plates. Our bodies floating down the muddy river.
"
Atmosphärisch beginnt "Life in a Glasshouse", der letzte Song des Albums, bevor Thom Yorke, Piano und der Trompeter Humphrey Lyttelton den Song zu einer jazzigen Nummer ausgestalten.
Mit "Amnesiac" haben Radiohead ein weiteres Mal bewiesen, dass Musik kein Nebenbei-Konsum-Objekt ist. Musik im Radiohead'schen Sinne verlangt viel Zeit, sowohl der Produzenten als auch der Hörerschaft und die Toleranz, sich auf Neues einzulassen, auch wenn man seine vermeintliche Genre-Heimt längst gefunden zu haben glaubt. Während sich im Musikbusiness die Künstler etablieren, die alle zwei bis drei Jahre eine bestenfalls leicht adaptierte Neuauflage ihres Durchbruchalbums nachlegen, riskieren Radiohead mit jedem ihrer Alben, mit ihren unorthodoxen Releasepraktiken und ihrer leicht arrogant anmutenden Art den Verlust ihres Status. Mit jedem Album ein neues Experiment, jedesmal ein Neuanfang. Musik, wie es sie nicht oft gibt, aber Musik, die Jahrzehnte überdauern wird und mit jedem Mal Hören gewinnt.
Leichte Kost ist die Musik von der Oxforder Band nicht. Nick Hornby, der bekannte Schriftsteller, klassifizierte "Amnesiac" als viel zu herausfordernd für arbeitende Eltern, die abends auch noch ihren familiären Pflichten nachkommen müssten. Aber Kleingeister und solche, die es noch werden (wollen), sind auch nicht Zielgruppe von Radiohead. "The reason people are so into escaping is there's a fucking lot to escape from," behauptet Thom Yorke. "In a way, the last thing anyone needs is someone rubbing salt in the wounds, which is sort of what we're doing."






Userbewertung: 9,23 Punkte (22 Stimmen)
Autorenbewertung: 10 Punkte
Alle Kritiken zu Radiohead :

OK Computer (1997)
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Autoren-Bewertung: 10 Punkte
User-Bewertung: 9,14 Punkte
Datum: 4. August 2009

In Rainbows (2007)
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Autoren-Bewertung: 10 Punkte
User-Bewertung: 9,04 Punkte
Datum: 14. August 2009

Kid A (2000)
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Autoren-Bewertung: 9 Punkte
User-Bewertung: 9,13 Punkte
Datum: 1. September 2009

Hail To The Thief (2003)
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Autoren-Bewertung: 9 Punkte
User-Bewertung: 9,20 Punkte
Datum: 3. Oktober 2009

Amnesiac (2001)
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Autoren-Bewertung: 10 Punkte
User-Bewertung: 9,23 Punkte
Datum: 20. Februar 2010

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