Radiohead - Hail To The Thief

„There's always a siren, singing you to shipwreck.“

"Es ist unmöglich, die Wahrheit anders zu sehen als mit den Augen der Partei."
"Zu guter Letzt würde die Partei verkünden, dass zwei und zwei gleich fünf sei, und man würde es glauben müssen."

Der Opener des Albums, 2+2=5, hat den Titel George Orwells dystopischen Klassiker "1984" entliehen. Er steht für das bekannte Zwiedenken und stellt die Frage nach einer möglichen Konsensrealität. 2+2 ist nicht fünf, aber ist es so, wenn es alle glauben? Und wenn George W. Bush weniger Stimmten erhält, aber das Gegenteil behauptet bzw. erzeugt, ist er dann tatsächlich der gerechtfertigte Sieger? Wenn der breiten Masse über Medien glaubhaft gemacht wird, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen hortet, hat er sie dann tatsächlich? 

2+2=5 ist ein Schlüsseltrack von Hail To The Thief, an prominenter Stelle in der Trackhierarchie und mit ausreichend Interpretationsspielraum für die Rätselfreunde und Schnitzeljäger unter den Anhängern der oftmals als "beste Band der Welt" (abgesehen natürlich von den stil- und gehaltvollen Pseudo-Ironikern von den Ärzten) bezeichneten Insulaner.

Auch Sit Down. Stand Up kann in diesem Kontext gesehen werden, nämlich als Stellungnahme zu den Widersprüchen und Richtungsänderungen, die den meisten totalitären Systemen mit Unfehlbarkeitsanspruch eigen sind. Unübersehbar sind auch hier wieder die Parallelen zu Orwell, diesmal aber zu seinem zweiten großen Werk "Animal Farm", in dem die "sieben Gebote" soweit korrumpiert werden, bis die Schweine der Farm schließlich entgegen dem frühreren (Grund-)Gebot "Alles was auf zwei Beinen geht, ist ein Feind." aufrecht einherschreiten.

Sail To The Moon ist etablierten Gerüchteküchen zufolge für Thom Yorkes Sohn Noah entstanden und soll ihm klar machen, wie wichtig es ist, richtig und falsch voneinander unterscheiden zu können und stellt auch eines klar: Hochmut kommt vor dem Fall.

Where I End And You Begin, ein wunderschöner Song, textlich wie musikalisch, nimmt sich eine schwierige Beziehung zum Thema, ob zu einem Partner, zu sich selbst oder zu Gott, muss jeder für sich selbst entscheiden. Das Absolute, Destruktive und Desperate bürgt für ganz großes Gänsehautfeeling und philosophische Fragen.

Am schwersten fassbar ist aber wohl There There. Dieses über fünf Minuten lange Monstrum hat mit lyrischen Versen, dem charakteristischen Drum-Solo als Intro und dem typischen morbiden Gesang ist der Liebling vieler Radioheadfans und wird auf so gut wie jedem Konzert gespielt. Der Song besteht zwar aus vielen poetischen Zeilen, jede für sich schön genug, um einen ganzen Song zu tragen, in seinem Gesamtumfang enthält There There keine sofort erkennbare Bedeutung. Das hat mit Thom Yorkes Arbeitsweise zu tun, er sammelt Ideen grundsätzlich aus den verschiedensten Quellen und verwendet Gedanken wie in Collagen, aber auch mit der Philosophie Radioheads: Radiohead wollen nicht populär sein, sie wollen auch nicht verstanden werden, sie wollen einfach schwierig sein. Das mag vielleicht arrogant anmuten, war aber selten wichtiger als heute, da linientreue Bands und vor allem auch Konzeptalben auf der roten Liste der bedrohten Kunstformen zu finden sind.

Diese Haltung reflektieren Radiohead in Myxomatosis, sie beschreiben ihren Aufstieg zu einer bekannten Band, distanzieren sich von ihrem Frühwerk Pablo Honey (insbesondere von Creep), ihren plötzlichen Ruhm mit OK Computer und kritisieren ihre kommerzielle Ausschlachtung durch ihr Plattenlabel EMI. Ein besonders pikantes Detail am Rande ist die Tatsache, dass sich Myxomatosis im Soundtrack vom EA Games-PC Spiel "FIFA 04" findet (übrigens meine erste Berührung mit Radiohead, Asche auf mein Haupt!). Ein Umstand, der erstens davon zeugt, dass EMI den Song nicht verstanden haben und zweitens unterstreicht, welche Dimensionen die komerzielle Vermarktung von Radiohead angenommen hat.

Der letzte Song A Wolf At The Door stellt wahrscheinlich die gesellschaftlichen Umstände, in die sich die "westliche" Welt in den letzten Jahrzehnten hineinmanövriert hat, an den Pranger. Hunger, Korruption, Grausamkeiten und die zunehmende Entfernung von der Aufklärung im Sinne Kants, des eigenverantwortlichen Denkens und Handelns, prägen unsere Zeit.

Hail To The Thief gehört, wie die anderen fünf jüngeren auch, zu den besten Alben Radioheads. Konsequente Weiterentwicklung, neue musikalische Ansätze, eine gewisse Grundstimmung und die temporäre Schönheit des Fragilen haben wieder für ein ganz besonderes Album gesorgt. Wer sich für ernstzunehmende Musik interessiert, beim Musikhören nicht den Kopf abschaltet und etwas für depressives Songwriting übrig hat, kommt nicht an Hail To The Thief und nicht an Radiohead selbst vorbei. Aber überlassen wir doch Orwells "Animal Farm" das Schlusswort:

Die Tiere draußen blickten von Schwein zu Mensch und von Mensch zu Schwein, und dann wieder von Schwein zu Mensch; doch es war bereits unmöglich zu sagen, wer was war.“

 

 







Userbewertung: 9,20 Punkte (45 Stimmen)
Autorenbewertung: 9 Punkte
Alle Kritiken zu Radiohead :

OK Computer (1997)
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Autoren-Bewertung: 10 Punkte
User-Bewertung: 9,14 Punkte
Datum: 4. August 2009

In Rainbows (2007)
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Autoren-Bewertung: 10 Punkte
User-Bewertung: 9,04 Punkte
Datum: 14. August 2009

Kid A (2000)
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Autoren-Bewertung: 9 Punkte
User-Bewertung: 9,13 Punkte
Datum: 1. September 2009

Hail To The Thief (2003)
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Autoren-Bewertung: 9 Punkte
User-Bewertung: 9,20 Punkte
Datum: 3. Oktober 2009

Amnesiac (2001)
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Autoren-Bewertung: 10 Punkte
User-Bewertung: 9,23 Punkte
Datum: 20. Februar 2010

Kommentare

  • danke :) das hat das album einfach verdient!

    von julius, am 19. Oktober 2009 (vor 8 Jahren)

  • Gro├čes Lob. Eine der besten Kritiken, die ich gelesen hab!

    von Lukas, am 19. Oktober 2009 (vor 8 Jahren)

  • das gh├Ârt aber gefeiert. :) (und das sag ich jetzt nicht nur so!)

    von Sophie , am 4. Oktober 2009 (vor 8 Jahren)

  • und das ist so ganz nebenbei die 50. kritik :)

    von Julius, am 3. Oktober 2009 (vor 8 Jahren)