Francis International Airport - In The Woods

„And the worst is over.“

Soviele Bäume ein Wald hat, soviele Gründe gibt es, ihn zu lieben. Ob das nun die versteckte Lichtung ist, der Moment, in dem Sonnenstrahlen die Gipfelkrone durchbrechen oder der erste Vogel am Morgen - ein Wald hat etwas Magisches.
Das sehen auch Francis International Airport so. Für ihr neues Album In the Woods hat man sich in die Tiefen der Wälder begeben und dort die erste Single "Monsters" visualisiert. Auf eine derart eigene, fantastische Weise, dass sich ihr Label Siluh bemüßigt fühlte, alle Gerüchte über die Beteiligung jeglicher Art von Pilzen zu dementieren.

Just cause you feel it, doesn't means it's there


Frappant ist die Ähnlichkeit der Idee, die das Video trägt, zu jener von Radioheads "There There". Gleichermaßen verstört und autistisch anmutend wie Thom Yorke seinerzeit stolpert nun Markus Zahradnicek durch den Wald, teils auf der Suche, teils auf der Flucht. Bizarre Maskenwesen begegnen ihm, verfolgen ihn, tragen den Gestürzten. Eine Allegorie, eine Fabel? Oder einfach nur ein Traum?
Ein Wald hat etwas Geheimnisvolles.

We are Wood


Davon, dass Francis International Airport aber auch abseits des Wienerwaldes ihren Spaß hatten, zeugt das Gesamtkunstwerk In the Woods und dem Vernehmen nach auch die geplünderten Sparstrümpfe der Bandmitglieder.
In der Tat hat man sich einiges vorgenommen für den Nachfolger des Debütalbums We Are Jealous. We Are glass. Man wollte raus aus der Lo-Fi-Ecke, raus aus dem Probenkeller, rein ins Studio. Die aktuellen Werke von Grizzly Bear und Beach House sollten Pate stehen für ein Album, das kein Debütalbum ist, aber eben auch nicht "ganz der Papa".
Und das hört man auch. Eine wesentlich ausgefeiltere Produktion, deren Liebe zum Detail sich in fast allen der neuen Songs manifestiert kennzeichnet Album #2. Viel von dem Fragilen auf dem ersten Album ist verloren gegangen. Möchte man es unbedingt auf ein Wortspiel anlegen, könnte man sagen: Brüchiges Glas musste einem Klangwald weichen.

Aber auch wenn man ernst an die Sache herangeht, bezaubert einen In the Woods: Da finden sich Momente, die einen erschaudernd zum Niederknien zwingen, welche, zu denen man einfach jemand umarmen möchte (und sei es auch nur sich selbst) und Melodien, die zum Entschweben gemacht sind.

Ganz dieser Programmatik entsprechend eröffnet "All Your Lines End In Me" den Reigen; interessanterweise jener der elf Tracks, der als Letzter entstand. Über freundliches Gitarrengezupfe, versteckten Synthesizereinsatz und sanftes Schlagzeugspiel, über Markus Zahradnicek und seine mit träumerischer Stimme vorgetragenen, indirekten und subtilen Lyrics gelangt man zu der Erkenntnis, dass am Ende des Tages (schöne Politikerfloskel!) wohl kein Weg an den fünf Herren vorbeiführen werde. All our lines end in Francis International Airport?
Wohl ja, denn auch auf den folgenden 44 Minuten folgt ein Glanzlicht dem anderen, eine Gänsehaut der nächsten. "Feet of Clay" erhebt vehement Anspruch auf Ehrung als "Lieblingssong", als drei Minuten pures tanzbares Glück darf man das durchaus auch.

Ebenso erlaubt war es zu feiern. In der Nacht vor der offiziellen Veröffentlichung des Albums ging die Album-Release-Party in der Wiener transporter bar von statten. Highlight des Abends: die Akustik-Session zu mitternächtlicher Stunde (siehe Fotos).
Geboten wurde ein Vorgeschmack auf das, was da auf den Bühnen dieses Landes kommen mag. Lautes, Leises, Brüchiges, Starkes, Sanftes, Wildes. Schönes!

Ein guter Deal
, der beste seit langem...

Wenn einige Magazine in ihren Rezensionen von einem Album sprechen, dem man so gar nicht anhören will, dass es aus Österreich kommt, dann haben sie vielleicht Recht, aber keinen größeren Belang. Herkunft ist keine qualitative Kategorie und auch wenn man aus dem tiefsten Traisental kommt kann man klingen wie Brooklyner.
Insofern dürfte es auch weniger nachhaltigen Eindruck auf die Musik gemacht haben, dass sich der Lebensmittelpunkt der - Eigenaussage - "Landeier" nach Wien verlagert hat, als die bandinternen Umbesetzungen. Mit Georg Tran und Manuel Riegler finden sich ja gleich zwei neue Kräfte im Airport-Tower wieder...

Ein Song aus dieser Zeit des Umbruchs, ein wenig auch des Neuanfangs, als sich Francis International Airport die Umstände, unter denen sie In the Woods erarbeiten wollten, liefert eine Zeile, mit der sich wunderbar enden lässt: "It's gonna be a great, great deal for all of us".

Einer der besten Deals seit langem. Einer, der einen aus dem warmen Zimmer treibt, in den Wald gehen lässt um dort in den schönsten aller Bäume ein Herz zu ritzen, in dem sich drei Buchstaben finden: FIA.
Ein Wald hat etwas Intimes.


Francis International Airport - In the Woods
Siluh Records
VÖ: 08.10.10



Francis International Airport
touren diesen Herbst freudig durchs Land, unter anderem auf der FM4 Soundpark-Tour:
20.10. GRAZ - Explosiv
21.10. DORNBIRN - Spielboden
22.10. INNSBRUCK - Weekender
23.10. STEYR - Röda
25.10. WIEN - Chelsea

Julius für fm5.at
[c] FM5 2010






Userbewertung: 9,08 Punkte (13 Stimmen)
Autorenbewertung: 9 Punkte
Alle Kritiken zu Francis International Airport :

In The Woods (2010)
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Autoren-Bewertung: 9 Punkte
User-Bewertung: 9,08 Punkte
Datum: 17. Oktober 2010

Kommentare

  • z.B. hier:
    11.12. im Freiraum St. Pölten, veranstaltet von einem Teil des trickster-Redaktionsteams...

    von Julius, am 8. Dezember 2010 (vor 7 Jahren)

  • auch live sehr zu empfehlen ;)

    von Alex, am 30. November 2010 (vor 7 Jahren)