Interview mit Jeans Team

geschrieben von Sophie Schmidauer, am 2. November 2009

24. Oktober, draußen ist es kalt, in der Halle auch. Wir sind am Wurmfestival, und warm wird uns erst, als wir zu Jeans Team abtanzen können. Die beiden Berliner Franz Schütte und Reimo Herfort treffen wir nach dem Auftritt backstage. Ein Heizstrahler sorgt für angenehmenere Temperaturen, Reimo macht der angehende Winter aber trotzdem zu schaffen. Seine Stimme hat sich verabschiedet, deshalb beantwortet Franz unsere Fragen, was laut ihm eine Seltenheit ist ("Normalerweise übernimmt Reimo das Reden!"). Die Stimmung ist gut, die Sitzgelegenheiten bequem. Und ein sehr angenehmes Gespräch ist das auch.

Ihr seid schon ziemlich viel herumgekommen. Merkt ihr einen signifikanten Unterschied zwischen dem deutsch- und anderssprachigen Publikum? Insbesondere, weil ihr ja Deutsch singt.
Franz: Ja, klar, da merkt man einen großen Unterschied. Die Leute hören ja sehr viel auf die Texte, in den 90ern war das nicht so, damals lief in Deutschland auch viel Instrumentalmusik im Radio, jetzt ist wieder alles sehr textlastig, das ist für mich eigentlich ein Rückschritt.

Ein Rückschritt für die elektronische Musik, oder grundsätzlich?
Franz: Für die Musik grundsätzlich. Es gab immer viel mit Text, und jetzt gibt’s wieder fast nur Bands, die Platten machen wo fast keine instrumentalen Lieder drauf sind, und im Radio wird’s nicht gespielt. Im Radio gibt’s den Druck, wo immer Text da sein muss. Das sagt auch viel aus über die Aufnahmefähigkeit des deutschsprachigen Publikums. Das heißt, wenn wir dort auftreten, wo Leute deutsch verstehen, geht’s immer um den Text. Und anderswo verstehen die Leute ja sowieso kein Deutsch... (lacht). Und dort ist es dann nicht so, dass die Leute stehenbleiben und sich nicht bewegen, im Gegenteil. Im Ausland sind wir halt Exoten, und dort schätzt man uns wegen der starren Struktur unserer Musik, und wegen der Klänge, der Energie. Und hier ist es so... „was redet der jetzt über Bauern?“, weil viele sehen den Witz da drin ja auch nicht.

Die Medien behandeln das Thema ja immer wieder, wenns sonst nichts zu berichten gibt – daher die unausweichliche Frage: Hattet ihr heute besondere Wünsche für den Backstagebereich? Oder seid ihr da Minimalisten?
Franz: Ne, den einzigen Wunsch den ich noch offen hätte ist, dass es noch wärmer ist. Ansonsten ist es bei uns völlig egal. Meistens sind wir gar nicht backstage, wir sind eine Band, die sich nach dem Konzert an der Bar oder auf der Tanzfläche aufhält.

Eure Musik ist ziemlich geeky. Zufall, oder gibt’s auch Nerds in der Band?
Franz: Wir haben natürlich keine Nerds in der Band, wir sind zwei, und beide keine Nerds. Wieso geeky, was meinst du genau?

Schwer zu sagen, ich kann mir zum Beispiel gut vorstellen, dass eure Musik dann läuft, wenn Programmierer ihre Arbeit machen.
Franz: Ja, das stimmt, das lief viel in Computerbüros, das stimmt schon. Aber andererseits ist es so, keine Melodien lief dann viel in besetzten Häusern in Berlin und viel in der ganz linken und der ganz rechten Szene. Ich find das eher ziemlich direkt als geeky, man kann es eher verstehen.
Oh Bauer, klar, es ist halt blöd, wenn es zu grade ist. Grade wenn du aus Berlin kommst, da wird sehr viel gefeiert, von Freitag bis Montag, Sonntag den ganzen Tag, die Leute sind auch dann im Club, wenn andere Leute zur Arbeit gehen. Daher fand ich das total gut, ein Discolied zu machen, das musikalisch total „disco“ ist, und inhaltlich eher davon handelt, dass im Moment grade Leute aufs Feld fahren, weißt du? Ich finde es gut, das zusammenzubringen, das hat eine bestimmte kosmische Qualität. Weil es ja auch total nervig ist, wenn du im Club bist und dann so Clubtexte hörst, ich hab keine Lust in der Disco nur „disco, disco, disco!!“ zu hören, das hör ich eher gern am Strand am Walkman, aber minus und minus und plus und plus ist zu langweilig.

Oh Bauer ist also ein sehr tiefgründiges Lied?

Franz: Es ist eine ganz normale, pastorale Anbetung von Arbeit und Aufgehen mit der einfachen Arbeit in der Natur, du musst eben die Felder deines Lebens bestellen.

Ihr seid aus Berlin und habt auch schon ganz andere große Städte bespielt. Neumarkt-Kallham und auch Trimmelkam – ihr habt vor ein paar Monaten das Sakog besucht – sind ja waschechte Kuhdörfer. Gefällt euch das, oder ist es euch völlig egal, wo ihr spielt?
Franz: Nein, das ist total super – der Unterschied macht es ja auch. Es ist völlig egal – wenn ich jetzt nur in Kuhdörfern spielen würde, fänd ich das vielleicht ein bisschen nervig, genau wie ich es nervig finden würde, nur in Städten zu spielen. Wir haben das Glück, ziemlich viel international unterwegs zu sein, und dann ist es doch total super wenn du aus Tokio kommst, und dann kommst du hier her. Das ist ein total super Gegensatz, und das macht halt Spaß. Wir lieben Reisen.

Also geht euch das Tourleben nicht auf die Nerven?
Franz: Nein, überhaupt nicht, nö.

Hört man gern!
Franz: Solange wir das Gefühl haben, in dieser einen Stunde noch auf den Punkt zu kommen und unsere Energie loszuwerden, ist das ok. Das Musikerleben ist nicht für alle was, denn es geht viel so: „Jetzt schnell schnell schnell!“ - und dann machst du ganz schnell, rennst irgendwohin, und dann heißt es: „Ok, jetzt müssen wir erstmal zwei Stunden warten.“  Und das ist ja auch nicht ein solches warten, wo man denkt, man hat zwei Stunden Freizeit, sondern du wartest viel in so Organisationsperipherien. Das kann nicht jeder, aber ich find das ganz lustig.

Was war der schönste Moment eurer Bandgeschichte?
Franz: Die Gründung! (lacht) Wir sind ja jetzt 11 Jahre dabei, wir haben das einmal gegründet, und das war halt ein guter Moment. Wir waren damals viel auf Technoparties, und fanden das ein bisschen langweilig, dass da immer nur DJ-Musik ist, und dachten so „hey, Techno könnte auch ein bisschen mehr live sein.“ Wir sind damals viel auf Konzerte gegangen, auch so Rock-Zeugs, Spiritualized® und so Geschichten, sind auf große Festivals gefahren, Glastonbury und so, und waren große Musikfans. Und irgendwie dachten wir, wir müssen beides zusammenbringen: Techno, Elektronik, aber auch dieses live-machen. Diese Energie, die live entsteht, ist was ganz anderes, als nur aufzulegen.
Reimo: Wir haben eine Band aus Spanien kennengelernt, Cielo, die haben mich sehr weit gebracht, geistig.

Gibt’s irgendeine Band, irgendeinen Künstler, der euch folglich bei eurer Musik maßgeblich beeinflusst hat?
Franz: Wir sind natürlich sehr beeinflusst von Spacemen 3, das hört man auch auf Ding Dong, ansonsten sind wir große Fans von DAF, ganz klar, das merkt man bei uns auch sofort, glaub ich. Trockene Elektronik mögen wir halt gerne.

Pläne für 2010?

Franz: Neues Album rausbringen, und so bald es geht wieder irgendwo hinzufahren, wie Asien, Südamerika, solche Touren. Aber im Winter werden wir uns ein bisschen winterschlafmäßig einigeln und unser neues Album auf den Weg bringen. Wir haben wahnsinnig viel vor und viele Ideen für neue Lieder, aber wir brauchen jetzt mal  kurz ein paar Monate Ruhe, um die aufzunehmen, weil wir uns wahnsinnig ärgern würden, wenn wir diese Sachen nicht aufnehmen würden.

Könnt ihr von der Musik leben?
Franz: Ja, aber es hat halt auch 10 Jahre gedauert.

Auch wieder wahr. In Österreich ist das ja grundsätzlich schwierig...
Franz: Nein, ich finde, für uns ist Österreich das beste Territorium. Ihr habt total Glück, dass ihr FM4 habt, das is ein gutes Radio. Geh mal nach Berlin, da gibt’s ganz schlechte Radiosender, das ist echt schlecht! Radiomusik kannst du nicht hören! Und FM4 ist auf jeden Fall ein Radio wo dann auch Sendungen kommen wo dann auch richtig geiler Kram kommt, und das finden wir gut, das ist wahnsinnig wichtig für die Kultur. Und Österreich ist, was Musikkultur und Bands betrifft, Leute wie uns, da hat Österreich Berlin und Deutschland total abgehängt. Denn es gibt eine Verbreitung auch für Bands wie Ja, Panik zum Beispiel, wo ihr grad das T-Shirt anhabt, ich weiß nicht, ob die einfach so im Radio gespielt werden, das wird alles nicht gespielt. Nur auf FM4, und das wird ausgestrahlt bis München, bzw. kann man das ja im Internet hören.

Gerade Ja, Panik sind ja nach Berlin übersiedelt, weil es in Österreich so schwer ist, mit Musik Geld zu verdienen. Vom Bekanntheitsgrad her geht’s natürlich relativ schnell, aber man kann davon nicht leben.

Franz: Das liegt aber daran, dass Wien auch eine Stadt ist, die viel teurer ist. Als Musiker ist Berlin perfekt, man kann sich ein eigenes Studio mieten, hat alle Dinge, die man braucht. Natürlich, klar, irgendwann ist es auch abgegrenzt, hat alle Clubs durch, wir spielen auch ganz selten in Berlin. Man muss versuchen, viel rumzukommen, dann freut man sich auch immer wieder, wenn man zurückkommt.

Ein Wort zum Schluss von euch an die Leser bzw. die Welt?
Reimo: Stay sick!
Franz: Ja, genau, macht euch locker, habt Spaß, kuckt euch die Welt an, was ich wichtig finde, ist dass man sich überlegt, wo man in der ganzen Welt so steht, und von da herleitet, welche Verantwortung man eigentlich trägt.
Als wir in den 90ern angefangen haben, Musik zu machen, haben wir uns gedacht, die Leute in Afrika, die können das nicht machen, und auch in den USA ist es unheimlich schwierig, Fuß zu fassen, und in England musst du sowieso mindestens zwei Jobs haben um deine Wohnung und deinen Kaffee bezahlen zu können. Und in New York kennen wir Leute, die haben 3 Jobs. In Berlin sind die Mieten noch relativ günstig, und man kann mit ganz wenig Geld noch gut überleben. Und daher haben wir die Freiheit, machen zu können, was wir wollen.
Daher: Geh mal einen Schritt zurück und kuck dir aus so 'ner Gottesperspektive an, wo du stehst, und dann tu was du willst und mach doch einfach den krassesten Scheiß, den du machen kannst!

 




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