Radiohead - Kid A

„cheap sex and sad films help me get where I belong.“

Wir schreiben das Jahr 2000. Verschrien als das Jahr des Milleniums, der Apokalypse, und mindestens seit den 60ern auch als das Jahr, in dem wir uns spätestens alle in den Weltraum aufgemacht haben und nun dort als Spacepeople ein völlig neues Leben angefangen haben. Ich bin mir nicht sicher, ob überhaupt irgendetwas davon eingetroffen ist. Am 29. September dieses bedeutungsschwangeren Jahres ist allerdings etwas ganz anderes tatsächlich eingetroffen, und zwar in den Plattenläden. Kid A heißt sie, elektronisch klingt sie, und zwar wirklich verdammt elektronisch. Fast so, als hätten sich Radiohead entschieden, dieser scheinbaren neuen Ära ein Album zu widmen, das die Zukunftsfantasierenden der Sechziger sicher gerne gehört hätten, wenn sie ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgingen.
Everything In Its Right Place. Ein Titel, der mir immer wieder wunderbar gefällt und auf so ziemlich die Hälfte aller lebensmäßigen Begebenheiten zutreffen zu scheint, eröffnet das vierte Album der zuvor als einflussreichste Rockband unserer Zeit betitelten ebendiesen. Ein grandioser Song mit sehr Radiohead-liken Texten (yesterday I woke up sucking a lemon). Kid A darauf ist sicher der schwächste Track des Albums, doch direkt darauf folgt ein klares Highlight: The National Anthem, das mit einer treibenden Bassline und Saxophonparts den Körper überzeugt, zumindest innerlich völlig auszuflippen. Und es ist wirklich ein wahres Auf und Ab mit Platte Nummer 4, denn Track 4 ist erstens der erste nicht-elektronische Part, und zweitens die erste Ballade. Sehr sehr schön, sehr sehr beruhigend, sehr schön fortsetzend mit Treefingers, das der Stimmung von How To Disappear Completely eine verdiente Fortsetzung tut, wenn auch nicht so melancholisch, und vor allem ziemlich instrumental.

Allerdings kann man sich ja fast denken, was darauf folgen muss. Es hat eine Gitarre, es hat Stimme, es hat Beat, aber akustischen. Optimistic bewegt mich schlussendlich dazu, doch einen zweiten Genre-Tag zur Beschreibung zu kicken. Denn obwohl schon fast verinnerlicht, schießen mir von Kid A immer zuallererst die eketronischen Tracks ins geistige Ohr, die ja auch am bekanntesten sind. Apropos bekannt: keine einzige Single wurde von Kid A veröffentlicht. Optimistic neigt sich mittlerweile seinem (dem Anfang und der Mitte immer noch sehr ähnelnden) Ende und gibt den Ball weiter an In Limbo, der absolut wunderbares Gitarrengezupfe mit spärischem Stimmgewirr Thom Yorke's verbindet und gegen Ende einfach alles verschmelzen lässt und fast wie ein schwarzes Loch anmutet. Ja, mir gefällt diese "Jahr 2000 und wir sind alle im Weltall"-Theorie!

Auch wenn sie etwas blöd anmutet, vor allem, da wir mittlerweile 9 Jahre später immer noch in unseren normalen Betten aufwachen. Aber darum gehts jetzt wirklich nicht, es dreht sich wirklich alles um Idioteque, das zu einem der bekanntesten Radiohead-Songs avanciert ist und Kid A auch wieder auf seinen ursprünglichen, vollelektronischen Pfad zurückbringt. Und verdammt, schon beim ersten Mal Hören wird es wirklich niemanden, dem das restliche Album gefallen hat, verwundern, warum der Track so beliebt ist. Und es wäre eigentlich ein wirklich perfekter Schluss für Kid A, wären da nicht Morning Bell (das man ein Jahr später auf Amnesiac wiederfinden würde, wenn auch abgewandelt als Morning Bell/Amnesiac) und Motion Picture Soundtrack, den eigentlichen Schluss. Der sofort mit seiner Orgel verzaubert. Und wenn man so darüber nachdenkt, ein wirklich gelungener Abschluss ist. Radiohead pfuscht man eben nicht ins Handwerk. Nicht mal gedanklich.






Userbewertung: 9,13 Punkte (23 Stimmen)
Autorenbewertung: 9 Punkte
Alle Kritiken zu Radiohead :

OK Computer (1997)
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Autoren-Bewertung: 10 Punkte
User-Bewertung: 9,11 Punkte
Datum: 4. August 2009

In Rainbows (2007)
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Autoren-Bewertung: 10 Punkte
User-Bewertung: 9,00 Punkte
Datum: 14. August 2009

Kid A (2000)
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Autoren-Bewertung: 9 Punkte
User-Bewertung: 9,13 Punkte
Datum: 1. September 2009

Hail To The Thief (2003)
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Autoren-Bewertung: 9 Punkte
User-Bewertung: 9,18 Punkte
Datum: 3. Oktober 2009

Amnesiac (2001)
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Autoren-Bewertung: 10 Punkte
User-Bewertung: 9,19 Punkte
Datum: 20. Februar 2010

Kommentare

  • Ich halte Kid A f├╝r einen sehr anspruchsvollen Titel, der im Grunde das gesamte Album thematisiert. Hier wird unterschwellig die ├ťberhand nehmende Technik kritisiert, w├Ąhrend der Song ausschlie├člich mit Computer-Stimme gesungen wird. Auch melodisch kann er durchaus ansprechen, also f├╝r mich neben "Idioteque" (das ├╝brigens eine Widmung in meinem Lieblingsroman findet), "How to Disappear Completely" und "Motion Picture Soundtrack" zum Besten des Albums geh├Ârt-

    von Kilian, am 20. April 2011 (vor 6 Jahren)

  • The National Anthem hat von allen radiohead songs eindeutig den besten anfang!

    von Andi, am 14. September 2009 (vor 8 Jahren)