Radiohead - OK Computer

„a pig in a cage on antibiotics.“

Wenn Radiohead experimentieren, braucht der Hörer ein beträchtliches Maß an Geduld und Liebe zur Musik. Ist beides ausreichend vorhanden, kommt man nicht mehr los. Die Band um Thom Yorke verbindet unverbesserlich Text und Musik zu Melancholie, die einen ganz schnell ins Nachdenken und sensible Menschen in eine leicht depressive Stimmungsgrauzone stürzen kann. Platte Nr. 3 braucht Zeit, um seine ganze Wirkung zu entfalten, und der Hörer wahrscheinlich noch einmal doppelt so viel Zeit, um alles in sich aufzunehmen. Und trotz einiger Titel, die scheinbar nicht oft genug in die Playlist springen können (Paranoid Android), muss man die ganze CD hören, um einen wirklichen Eindruck gewinnen zu können, denn OK Computer ist kein Album, das man zwischendurch schnell durchhört.


Gleich zu Beginn ziehen sich verzogene, dunkle Klänge in die Gehörgänge. Airbag bricht aber wolkendeckenlike bald auf. Track 2 (und Singleauskopplung Nr. 1 - Paranoid Android) ist meiner bescheidenen Meinung nach der früh angesetzte Höhepunkt eines großartigen Albums (mit rund sechseinhalb Minuten Laufzeit auch der längste Titel). Subterranean Homesick Alien und Exit Music (For A Film) vertiefen die wahrscheinlich schon leicht melancholische Stimmung des Hörers noch – Auflockerung folgt mit Let Down. Karma Police, oft und vielseitig interpretiert, genauso häufig als der beste Radiohead-Song betitelt, von mir eher als die goldene Mitte von OK Computer, musikalisch vielleicht etwas unvielfältiger als der Rest, aber keineswegs schlechter (um ehrlich zu sein ist fraglich, ob es überhaupt irgendetwas auch nur annähernd schlechtes auf diesem Album gibt). Es wird unmusikalischer mit Fitter Happier, eher als akustisches Kunstwerk zu bezeichnen, das einen in seine eigene Gedankenwelt reißt.
Der Track geht zwar kaum ins Ohr (wie auch), ist aber alles andere als eine Entspannungspause. Dafür ist Electioneering ein regelrechter Auszucker, überzuckert mit quietschenden Gitarrenriffs, und No Surprises ist einfach nur ein richtig schönes Lied. Dafür lullt der zwischenstehende Track, Climbing Up The Walls, den Hörer mit monotonen und immergleichen Drums ein.  Lucky ist viel, aber alles andere als das, was der Titel vorhersagt – sondern schreit eher nach etwas Glück und Trost, vier melancholisch angehauchte Minuten vergehen aber schnell. The Tourist schließt ein mitreißendes, fast anstrengendes Album entspannend ab.

Egal, wie zufrieden man mit seinen Ohren bisher war, Radiohead revolutionieren. Das wahrscheinlich perfekte(ste) Radiohead-Album, das im Juni 2007 sein 10-jähriges Jubiläum vermerken konnte, ist schlicht zeitlos. Man muss sich Mühe geben, um es wirklich zu mögen. Und Zeit lassen – die hat der passionierte Musikhörer aber ohnehin, außerdem gehen „Schnellkonsumenten“ dieser Band sowieso aus dem Weg.
Wer sich aber die nötigen Stunden nimmt, um Sympathie für ein Monument zu gewinnen, wird vielleicht über eine gründliche Überarbeitung seiner musikalischen Gesinnung nachdenken.






Userbewertung: 9,11 Punkte (27 Stimmen)
Autorenbewertung: 10 Punkte
Alle Kritiken zu Radiohead :

OK Computer (1997)
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Autoren-Bewertung: 10 Punkte
User-Bewertung: 9,11 Punkte
Datum: 4. August 2009

In Rainbows (2007)
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Autoren-Bewertung: 10 Punkte
User-Bewertung: 9,00 Punkte
Datum: 14. August 2009

Kid A (2000)
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Autoren-Bewertung: 9 Punkte
User-Bewertung: 9,13 Punkte
Datum: 1. September 2009

Hail To The Thief (2003)
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Autoren-Bewertung: 9 Punkte
User-Bewertung: 9,18 Punkte
Datum: 3. Oktober 2009

Amnesiac (2001)
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Autoren-Bewertung: 10 Punkte
User-Bewertung: 9,19 Punkte
Datum: 20. Februar 2010

Kommentare

  • Jede Band hat so seine Meisterwerke, und hier ist es, finde ich, offensichtlich, welches Album es bei Radiohead ist. Man sollte sich davon pr├Ągen lassen.

    von Juli, am 21. März 2010 (vor 8 Jahren)