Get Well Soon - Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon

„Meine Musik mag desillusioniert sein. Aber sie soll nicht desillusionieren.“

Allzu oft kommt es nicht vor, dass eine Band schon vor dem Erscheinen eines regulären Debüt-Albums auf Auftritte am legendären englischen Glastonbury verweisen kann. Ohne die treffsicheren englischen Talentscouts wären Get Well Soon möglicherweise auch in ihrer geographischen Heimat Deutschland nicht entdeckt worden. Aber Heimat ist ja bekanntlich ein relativer Begriff und besonders auf Konstantin Gropper, den Mann hinter Get Well Soon, lassen sich gängige Klischees, die auf der Herkunft gründen, nicht anwenden. Konstantin Gropper ist nämlich ein Kosmopolit, einer der überall und doch wieder nirgends zuhause ist. Aus Oberschwaben floh er Anfang 20 nach Berlin, wo er mit den ersten professionellen Aufnahmen begann, Dublin, Frankreich und England sollten folgen.

Dass die Öffentlichkeit schon vor dem Album-Release auf Groppers Arbeiten aufmerksam wurde hat, neben erwähntem Glastonbury-Auftritt auch einen anderen Grund. Dieser liegt in der unglaublichen Perfektion, die er seinen Stücken angedeihen lässt. Jahre bevor dem endgültigen Release schon existierten Tracks wie You/Aurora/You/Seaside, doch erst Anfang 2008 erschien Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon dann auf dem etablierten Indie-Label City Slang.

Die berufliche Ausbildung von Groppers Vater - Musiklehrer -  und dass er somit vorwiegend mit klassischer Musik sozialisiert wurde, ist unüberhörbar. Zu perfekt sind die Arrangements, die mit einer Klangfarbe und einer Wucht daherkommen, dass es gewöhnlichen 0815-ein wenig Gitarre-ein wenig Gehopse-Bands die Schuhe ausziehen müsste, aber sich dennoch nicht in oberflächlichem Breitwand-Sound verlieren und mit epochaler, aber eindimensionaler Musik wie der eines Richard Wagner, nichts zu tun haben.

Der Eröffnungstrack - schlicht Prelude genannt- arbeitet mit getragenem, fast verschlepptem Glockenspiel, phasenweiser kompletter Stille und einem plötzlichen Crescendo. Der dazu gehörige Text rückt hierbei in den Hintergrund: exakt zehn mal wünscht Gropper gute Besserung auf angelsächsich: "Rest Now Weary Head, You Will Get Well Soon!" Im Hintergrund kann man dem Echo dieser Genesungswünsche lauschen, alles zusammen vermengt sich zu einem sehr hübschen Klangteppich.

You/Aurora/You/Seaside geht dann wieder mehr in Richtung des üblicheren Song-Formats. Allerdings nur hinsichtlich der groben Struktur. Denn der Teufel, in diesem Fall besser antonym gesagt "der heilige Konstantin", liegt im Detail. Trompeten und das ferne Rauschen eines Meeres mit kreischenden Möwen bilden hier die Klammer für die tiefgründigen Lyrics.

Auch hinter den vielleicht etwas flach anmutenden Lyrics von Christmas in Adventure Parks tun sich subtile Welten auf. Wieder ist der Song auch ungemein schön instrumentiert. Akustikgitarre und Glöckchen bauen das zum Titel passende Klanggerüst. Vokal drängen sich Vergleiche mit Größen wie Thom Yorke und Nick Cave auf, nicht unbedingt die schlechtesten Referenzen...

People Magazine Front Cover ist eine beinharte Abrechnung mit dem Human Interest-Journalismus, wie ihn seit 35 Jahren höchst erfolgreich das US-Magazin "People" betreibt, und mit zu einfachen Antworten auf komplexe Fragen: "People will pay for the answers, that we deliver. Why their neighbour's lawn's greener and the world's in a mess." Aber dem nicht genug, legt Gropper einem fiktiven Erzähler noch Böseres in den Mund: "And people won't know, that we've tricked them all. And that we still hide the truth. Under our bed. In our castle." 

Konstantin Gropper passt nicht so recht in das populäre Berlin des 21. Jahrhunderts. Er gehört nicht den Massen an, die sich die Nächte in Electroclubs um die Ohren schlagen und Berlin zur heimlichen Welthauptstadt von Party, Hedonismus und Dekadenz erheben. (Die offizielle liegt immer noch auf den Balearen.)
Der Kosmopolit hat vielmehr ein Auge für das Wesentliche, aber auch für das Detail, ein Ohr für kräftige Melodien, als aber auch für endlose, sphärische Sounddschungel und vor allem: Herzblut. Was Gropper macht, hat Hand und Fuß. Der deutsche Fleiß und die allemannische Verlässlichkeit sind beide sprichwörtlich, aber als Klischees überholt. Ebenso veraltet ist das Vorurteil, Deutsche seien unkreativ und nicht in der Lage, an Höheres als Alltägliches zu denken. Diese Schablonen wurzeln vor allem in der Nachkriegszeit, die Gründe dafür kann man sich mit ein wenig historischen und psychologischem Allgemeinwissen selbst zusammenreimen. Seit Jahrzehnten gelten diese Denkmuster nichts mehr. Dennoch stecken diese offenbar noch in vielen Köpfen unserer großen Nachbarn, wenn man sich auf der Suche nach individuellen Kommentaren zu Get Well Soon's Debüt wühlt: "Lange nicht mehr solch ein Album von einem Deutschen gehört!", "Wow! Diese Platte ist völlig frei vom deutschen Mief." und "Das ist aber kein Deutscher, oder?"
Vielleicht gelingt Gropper mit seiner Platte das, was andere große Pop-Künstler "made in germany" offenbar nicht vollkommen überzeugend geschafft haben: Deutschland als popkulturelle Vorreiternation zu etablieren.

Aber auch für den klassischen Berliner hält Konstantin Gropper einen Leckerbissen bereit: eine Cover-Version von Born Slippy nuxx, im Original von den britischen Underworld, bekannt vor allem aus dem Kultfilm "Trainspotting."  Charmant begründet er, warum er diesen Song unbedingt auf Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon haben wollte: "Ich dachte ja, Born Slippy sei so was wie die Hymne meiner Generation, so wie Smells Like Teen Spirit für die davor war, darum wollte ich das unbedingt aufnehmen. Aber es hat sich heraus gestellt, dass es wohl doch nicht so viele Leute kennen. Auf gar keinen Fall wollte ich Underworld verkackeiern..."

Wer das Augenzwinkern bei Herrn Gropper übersieht, wird sich mit seiner Musik schwer tun. Auch wenn sie größtenteils schwermütig, speziell melancholisch und auch inhaltlich oft düster ist, will er seine Songs nicht als Weltuntergangssoundtrack verstanden wissen, sondern als "Zusammenhalt-Lieder". "Am Ende wird es schon gut ausgehen, auch wenn es jetzt gerade echt schwierig aussieht." Am Horizont sei doch schlussendlich immer ein Silberstreif zu sehen.

Und wenn Heilungsprozesse immer so erfrischend und nachhaltig verändernd wären, wie es der Genuss von Get Well Soon's erstem Album ist, steht einem längeren Aufenthalt meinerseits unter ärztlicher Aufsicht nichts im Wege. Oder um es mit Groppers Label City Slang zu sagen:
"Ein sehr schönes, ein sehr forsches Album von einem jungen Großtalent, an dem die Welt, wenn es nach uns geht, durchaus genesen darf."

 

 






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Autorenbewertung: 10 Punkte
Alle Kritiken zu Get Well Soon :

Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon (2008)
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Autoren-Bewertung: 10 Punkte
User-Bewertung: 8,77 Punkte
Datum: 9. November 2009

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