Vulkanasche in der Nase, Island im Herz

geschrieben von Julius Schlögl, am 8. Mai 2010

Bedrohlich tief und dunkel hing der Himmel über Krems, als letzten Donnerstag etwa einhundert Menschen die Minoritenkirche verließen. Tief gerührt und melancholisch, passend zur apokalyptischen Wetterlage. Verantwortlich für kollektive Schwermut, wenn auch nicht für die meteorologischen Gegebenheiten, zeichnete aber keine amtskirchliche Veranstaltung, sondern ein Programmpunkt des Donaufestivals.
Im Rahmen vom Schwerpunkt „Iceland hits Danube“ machte die „whale watching tour“, als einzigem Österreich-Termin, Station in Krems. Die Kollaboration der Musiker Ben Frost, Nico Muhly und Valgeir Sigurdsson, die gemeinsam die Plattform „Bedroom Community“ ins Leben riefen, war für den frühen Abend im Klangraum in der Minoritenkirche angesetzt.
Mit Tuch verhängte Fenster, spärliche Beleuchtung, absolute Stille. Die Atmosphäre in dem sakralen Bau hatte unbestritten etwas Totales.
Filigrane Klangkonstruktionen schwebten mit überraschender Kraft durch den Raum, die alles Weitere nebensächlich machten. Abwechselnd wurden Stücke der drei Protagonisten vorgetragen, unterstützt durch Streicher und einen Posaunisten. Souverän und mit einem Lächeln führte Nico Muhly am Piano durch das Set, welches sich wunderbar elegant zwischen den benachbarten Genreschubladen Ambient, Post-Rock und Minimal-Electronic bewegte. Dieser  Frische wegen, die auch melancholischere Parts auszeichnete, konnten die Isländer auch ohne Pathos überzeugen, soll heißen: Es war schön, es war berührend, aber es war auch in seiner Fragilität feststehend und keineswegs verstaubt. Apropos: Säckchen mit Vulkanasche gebe es am Merch-Stand zu erwerben, meinte Nico Muhly gegen Ende der Vorstellung, "schnupft sie und genießt einen wilden Donnerstag! Und geht zu Múm!" Teil zwei der Aufforderung wurde nachgekommen, aber dazu später.
Glücklich und bewegt verließ man also die Kirche und wusste, dass es allen, die ebenfalls zugegen gewesen waren, ähnlich erging. Es war ein Konzert, dass man in seiner Erinnerung verewigen wollte und möglichst nicht mit Außenstehenden teilen. Dieser etwas egoistische Haltung kam der Umstand zugute, dass sich Kameras rar machten.
Eilig machte man sich unter blau-schwarzem Gewölk auf den Weg zum Messegelände, wollte man doch Howie B & Húbert Nói mit ihrer diplomatisch betitelten "Music For Astronauts And Cosmonauts" sehen. Diese enttäuschte dann aber in einer ganz schwach gefüllte Halle 1 dann aber doch ein bisschen, da konnten nette Visuals auch nicht über die etwas uninspirierte Darbietung hinweg täuschen.
Machte aber nichts, denn für die mehr als nur heimlichen Headliner múm sollte doch auch noch eine ordentliche Portion Begeisterung draufgehen. Wunderbar gut gelaunt und energisch eröffneten sie mit dem beinahe schon klassischen "Marmelade Fires", Dauerlächeln und Spaßeinlagen inklusive. Mag doch die Welt unaufhörlich ihrem Ende entgegen schreiten, wir singen einfach. "Sing along to songs you don't know" hieß das letzte Album der Isländer, das während der Finanzkrise entstand und mit trotziger Fröhlichkeit überraschte. c/  Florian Schulte, Donaufestival
Dauerlächeln und Spaßeinlagen inklusive, machten múm jeden einzelnen Song zu einem traumhaften Erlebnis. Hochengagiert und auf höchstem Niveau entzückten sie eine Stunde lang das plötzlich aus allen Ecken der Stadt Krems zusammengeströmte Publikum, das sich von der guten Laune anstecken ließ und den Isländern in punkto Ausgelassenheit um nichts nachstand.
So bald es ginge, kämen sie gerne wieder und "you are so beautiful to us...", so verabschiedeten sich múm und selten hat etwas so wenig nach einer einfach hingestellten Floskel geklungen wie da.
Ein einzigartiger Abend war es, in dem ein Land im Mittelpunkt stand, das mit einer unglaublichen Dichte an authentischen und guten Künstlern eine große Fangemeinde hat. Das Donaufestival hat repräsentativ einen schönen Querschnitt durch die Kunstlandschaft der Vulkaninsel gezogen und neben etablierten auch neue, unbekannte Kulturschaffende an die Donau geholt.
Ein Konzept, das voll aufgegangen ist und durch regen Besucherzustrom belohnt wurde. Und um begeistert zu sein brauchte es nicht mal einen Zug aus der Schnupftabak/Vulkanasche-Dose....

 




Kommentare

Keine Kommentare hier bis jetzt :(